Es wird wieder mit Dreck geschmissen im Reich der deutschen Medienlandschaft. Die Finanzkrise, der arabische Frühling, Guttenberg, die Troika der möglichen SPD-Kanzlerkandidatur, Stuttgart 21, Fukushima – all diese Themen des Jahres 2011 haben auf gewisse Art und Weise an Strahlkraft verloren, sind abgedroschen oder der Betrachter ist des ständigen Hin-und-Hers bei der Rettung des Euros und Europas müde geworden.
Ein neues Thema muss her, das ausreichend Sprengstoff zur öffentlichen Empörung bietet im ausklingenden Jahr 2011. Eines mit politischer Schlagkraft, besser noch, dem Skandalcharakter für den großen Knall zum Jahresende.
Und siehe da, hier ist sie, die große Schlagzeile: Bundespräsident Christian Wulff lieh sich 500.000 Euro bei Edith Geerkens, der Frau des befreundeten Unternehmers Egon Geerkens, um ein neues Eigenheim zu finanzieren. Auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im niedersächsischen Landtag im Februar 2010 antwortete der damalige Ministerpräsident Wulff, dass er keinerlei geschäftliche Beziehungen mit Egon Geerkens unterhalte. Mit Bekanntwerden des Kredits und beginnender öffentlicher Reputation entschuldigt sich Wulff für seine missverständliche Antwort.
So weit, so gut.
Doch die öffentliche Empörung ist groß in Deutschland. “Der falsche Präsident” titelt der Spiegel und berichtet auf Basis angeblicher Aussagen Egon Geerkens, das Geld stamme nicht von dessen Frau, sondern von dem Unternehmer selbst. Damit habe Wulff das Parlament bewusst getäuscht, was seine Glaubwürdigkeit, zentraler Bestandteil des Bundespräsidentenamts stark in Mitleidenschaft ziehen würde. Von einer Affäre ist die Rede und das doch so unmoralische Verhalten Wulffs wird noch an anderen Beispielen deutlich gemacht, so auch einem Weihnachtsurlaub mit der Familie im Haus eines befreundeten Unternehmens in Florida im Jahr 2009. Das Bedürfnis nach Luxus, nach reichen Freunden sei zementiert in seiner Kindheit, in der er die an multipler Skeleterose leidende Mutter und die Geschwister als 14-jähriger habe versorgen müssen. Sei Joachim Gauck der bessere Präsident gewesen, so müsse Wulff nach dieser Affäre der falsche Präsident sein.
Die Kommentare in Zeitungen und Nachrichtenmagazinen überschlagen sich. Die einen sagen, von wem Wulffs Kredit nun genau stammt, sei nicht von Interesse, die bewusste Täuschung des Parlaments sei das eigentliche Problem (vgl. taz.de). Die anderen sagen, seine Antwort auf die Anfrage der Grünen-Fraktion sei formal richtig gewesen, aber die Verstrickung eines Spitzenpolitikers in solche Geldgeschäfte sei problematisch (vgl. zeit.de).
Fakt ist, dass das eigentliche Problem an einer ganz anderen Adresse als dem Schloss Bellevue zu suchen ist.
Wulffs Verhalten gegenüber dem niedersächsichen Parlament mag eine rhetorische Trickserei gewesen sein, ist jedoch juristisch nicht anfechtbar. Moralisch gesehen wird das Problem in einer Art und Weise aufgebauscht, die wieder einmal die Sensationslust unserer Medienlandschaft präsentiert. Durch die Vermischung von Aussagen über Wulffs Kindheit und Innenleben mit mehr oder weniger fundierten Fakten über den derzeitigen Fall begibt sich der Spiegel gefährlich nahe an das Niveau von Boulevardmagazinen. Der Angriff auf Wulffs Persönlichkeit wie auch die Kritik an seiner Arbeit als Bundespräsident stehen in keinerlei Verbindung zu dem derzeitigen Vorfall und schmälern in erheblichem Maße die Seriosität nicht nur des Spiegels.
Das derzeitige Rücktrittsgeschrei verschiedener Politiker und Zeitungen wirft außerdem die Frage auf, welche moralische Messlatte an Politiker angelegt werden soll. Wulffs angebliche Vergehen – der Floridaurlaub, der Privatkredit – geben keinerlei Auskunft über seine Befähigung, das Amt des Bundespräsidenten angemessen auszufüllen. Wie viele Menschen in Deutschland machen nicht einmal Urlaub in der Ferienwohnung oder dem Haus eines Bekannten? Wie viele Menschen leihen sich zum Bau oder Kauf ihres Eigenheims das notwendige Geld nicht nur bei Banken, sondern auch bei Freunden?
Zudem gilt nach wie vor der Ausspruch, der passend zur Weihnachtszeit schon in der Bibel geschrieben steht: “Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.”
Es wäre interessant, zu erfahren, wie viele Berufspolitiker es in Deutschland noch gäbe, wenn dieses Zitat auf seine Gültigkeit hin untersucht werden würde.


